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Spritz-Kur für ein Kunstwerk

Ein Wandbild aus dem 13. Jahrhundert wird derzeit in der Kröpeliner Kirche freigelegt. Das Gotteshaus selbst ist nicht älter als das Kunstwerk. Für Restaurator Jörg Schröder bedeutet die Wiederherstellung Feinarbeit.

Kröpelin Ein Arzt ist Jörg Schröder nicht. Die Spritze, deren Stempel er mit dem rechten Daumen herunterdrückt, soll dennoch heilen, soll dafür sorgen, dass ein Kunstwerk überlebt, dessen Existenz über Jahrhunderte niemand erahnte.
Es ist ein Wandbild, eine Ziegelmalerei, die vermutlich um 1270 in der Kröpeliner Kirche entstand und später mit feinem Putz überzogen wurde. Das Bild ist 2,50 Meter hoch, drei Meter breit und stellt die drei heiligen Könige dar, die das Christuskind anbeten. „Der eine trägt ein Gefäß, wahrscheinlich das mit Weihrauch“, sagt Restaurator Schröder. Zudem sei eine Nase zu erkennen, sogar Barthaare könne er sehen.

Sie auch für den Laien sichtbar zu machen, daran arbeitet Schröder derzeit mit Präzisions-Werkzeugen wie der Spritze. Deren Nadel hat er in die Wand gestochen. Schröder spritzt eine Art Füllung in Hohlräume, die für das Auge nicht zu sehen sind und die der 34-Jährige durch leichtes Klopfen aufspürt. Er darf nicht zu fest schlagen, sonst platzen Farbreste ab. „Ist ein bisschen wie Chirurgie“, sagt Schröder und lächelt. Dann zieht er die Nadelspitze aus der Mauer, streift sich das schulterlange Haar aus dem Gesicht und zupft an seinem Pulli.

Dass das Wandbild entdeckt wurde, sei eher ein Zufall gewesen. Im März bei Sondierungen ist das Kunstwerk aufgefallen. Mit einem Skalpell hat es Schröder freigelegt. Jetzt muss es „konsolidiert und konserviert“ werden, sagt er. „Die Fehlstellen kitte ich auf.“ Irgendwann kommt Retusche drauf. Mitte, Ende August glaubt der Diplom-Restaurator aus Rostock fertig zu sein mit der Wiederherstellung. „Es ist eine Gratwanderung“, sagt Schröder: zwischen Denkmalpflege und dem Bestreben, so viel wie möglich wieder sichtbar zu machen. Für den Besucher ist derzeit nicht allzu viel zu erkennen von den Figuren auf dem Bild. Restaurator Schröder hat noch viel zu tun.

THOMAS PULT
Ostseezeitung vom Dienstag, 26. Juli 2005

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