Sonntag, 18. Februar 2018
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Schulter zum Ausweinen ist da

Jugendliche aus schwierigen sozialen Verhältnissen finden in der ASB-Wohnstätte Aufnahme. Acht Heranwachsende werden dort betreut.

Kröpelin Sein Vater ist arbeitslos, seit er denken kann. Mutter auch. Beide trinken, beide streiten, beide prügeln. Der Dreizehnjährige will raus, seelisch zur Ruhe kommen. Ein klassischer Fall fürs Jugendamt. Als er geht, weint die Mutter. Verspricht zu kommen, oft. Regina Rieß weiß, dass sie wirklich kommen wird.
Erfahrungen aus 29 Jahren als Heimerzieherin. Sie selbst sei in einer kinderreichen Familie groß geworden, aber ihr Mann wuchs im Heim auf. Er fand seine Frau berufen zu dieser Aufgabe: Nach dem Studium arbeitete sie im Kröpeliner Lehrlingswohnheim, später im Reriker Kinderheim. Als sich dieses vor sechs Jahren umstrukturierte, richtete der Arbeiten-Samariter-Bund (ASB) eine Wohngruppe im betreuten Wohnen für Kinder und Jugendliche im ehemaligen Kreiskinderheim von Kröpelin ein. Fünf Frauen kümmern sich dort zurzeit um acht Jugendliche, deren Familien aus sehr unterschiedlichen Gründen kurz-, aber auch langfristig nicht in der Lage dazu sind, der Betreuung ihrer Kinder nachzukommen. „Wir haben überwiegend Kinder aus schwierigen sozialen Verhältnissen, für die eine Integration in Pflegefamilien nicht möglich oder sinnvoll erscheint“, erklärt Regina Rieß. Die 52-Jährige ist neben ihrer täglichen Aufgabe als Erzieherin für alles Kreative und Sportliche in der Freizeit der Hausbewohner zuständig. Die 33-jährige Daniela Gabe aus Neubukow hält die Verbindung zur Schule, während sich Teamleiterin Martina Zybarth (45) aus Rerik um die Elternarbeit kümmert und die 30 Jahre junge Doreen Bernhardt mit der speziellen Betreuung der Lernschwachen beauftragt ist. Die Fünfte im Bunde der starken Frauen ist Sieglinde Schröder. Sie agiert als so genannte „Hausmutter“ in der Einrichtung. Kocht, backt und wäscht, leiht ihr Ohr zum Zuhören, die Schulter zum Ausweinen und hat den Blick für Normen, Regeln, Sitten und Rituale im Haus. Gut 100 Kinder sah die 52-Jährige in den letzen sechs Jahren kommen und gehen.

Norbert und Florian sind in der Wohngruppe untergebracht. Diese Einheit unterscheidet sich zum Trainingswohnen durch eine Rundumbetreuung. „Trainiertes Wohnen heißt, die älteren Jugendlichen in ihrem Wohnraum zu verselbständigen, sie an ein eigenverantwortetes Leben zu gewöhnen, bevor sie mit dem 18. Lebensjahr in eine eigene Wohnung gehen“, erklärt Regina Rieß.

Auch während der Unterbringung in Kröpelin bleiben die Kinder ein wichtiger Teil ihrer Herkunftsfamilie, sollen einfühlsam wieder integriert werden. Beispielsweise durch Besuche im Elternhaus, telefonische Kontakte. Entschieden werde aber immer nach den Wünschen der Kinder und immer in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt. Von dort kommen die Kinder bereits mit einem Fallauftrag, der alle sechs Monate vom Jugendamt kontrolliert und im Bericht festgehalten wird. Anhand dessen entscheidet man auch über die Aufenthaltsdauer. Prinzipiell ist ein Verbleib bis zum 18 .Lebensjahr möglich. In Kröpelin werden Kinder von Geburt an aufgenommen.

DORIT WEHMEYER
Ostseezeitung vom 12.11.05

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