Dienstag, 19. November 2019
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Fasziniert vom Spinnen

Im Haus von Dorothea Wabra in Kröpelin lebt die alte Handwerkskunst des Handspinnens. Ehemann Hermann sorgt für das Gerät.

Kröpelin Leise hört man das Surren der großen Räder. Sechs Frauen und ein Mädchen sitzen im Kreis. Sie halten Schafwolle in den Händen. Langsam und gleichmäßig füttern sie mit dem einstigen Tierkleid das Spinnrad. Der rechte Fuß unter dem surrenden Rad bewegt sich kontinuierlich auf und ab. „Das schwierigste ist die Koordination zwischen den Händen und Füßen. Und, dass man den Faden gleichmäßig dazugibt“, sagt Dorothea Wabra.
Seit über zehn Jahren ist das Spinnen der 70-Jährigen größtes Hobby. „Ich habe das früher als Kind bei meinem Großvater gesehen. Aber hatte nie Gelegenheit, das auszuprobieren“, so die Kröpelinerin. Die Faszination für das alte Handwerk ihres Großvaters bewahrte sich Dorothea Wabra jahrzehntelang. Als sie 1994 in den Ruhestand ging, machte sich die Rentnerin auf die Suche nach einem Spinnrad. Die Kröpelinerin wurde fündig. Eine Bekannte hatte noch einige Einzelteile von ihrer Großmutter auf dem Boden verstaut. „Mein Mann hat dann ein Spinnrad daraus gemacht“, erinnert sich Dorothea Wabra. Doch das reichte dem Ehepaar nicht. Es inserierte in der Zeitung und kaufte alte, reparaturbedürftige Spinnräder auf. Mittlerweile haben die Wabras vierzehn davon in ihrem Haus stehen. Ehemann Hermann baute aber nicht nur alte Spinnräder wieder auf, sondern fertigte neue an.

Das aus den Kindheitserinnerungen mal eine eigene und aktive Spinnstube entstehen würde, das hätte die 70-Jährige nicht gedacht. Sie brachte sich das Spinnen selber bei. „Ich habe als Autodidakt angefangen“, sagt Dorothea Wabra ein wenig stolz. Nicht einmal zwölf Monate später gab sie ihren Spinnkurs „Spinnen, wie zu Großmutters Zeiten“. Der Rentnerin hat das Spinnen mit Gleichgesinnten so gut gefallen, dass 1996 die Spinnstube im Haus der Wabras offiziell eröffnet wurde. Seitdem treffen sich einmal in der Woche etwa sechs Frauen zum gemeinsamen Spinnen. Seit fünf Jahren ist sogar die 12-jährige Enkeltochter dabei. Auch Gisela Steinfeldt ist eine von den Spinnerinnen. „Spinnen hat etwas von autogenem Training. Und ich liebe Wolle in allen Formen“, schwärmt die 66-Jährige. In mühevoller Kleinarbeit habe sie das Handwerk gelernt. „Ich habe geschwitzt wie ein Schulanfänger“, sagt die Kröpelinerin und lacht.

Christa Jakob nimmt sogar an Spinnwettbewerben teil. So ist sie in den vergangenen Jahren bei der Landwirtschaftsmesse Mela dabei gewesen oder hat ihr Können auf der Landesmeisterschaft im niedersächsischen Neuhaus unter Beweis gestellt. „Ich war schon unter den ersten Zehn“, so die 48-Jährige aus Satow. An der Spinnstube gefällt ihr besonders: „Der Klönsnack, der Austausch. Wir sind schon wie eine kleine Familie.“

Aus der Schafwolle stricken die Frauen etwa Socken, Pullover, Handschuhe oder Decken. Für eine Schlafdecke von 1,80 Meter Länge und rund 1,20 Meter Breite hat Dorothea Wabra ungefähr 3000 Meter Wolle verarbeitet.

Ihre Arbeit und das traditionsreiche Handwerk zeigen die Spinnerinnen unter anderem auf dem Schmiedefest in Hinter Bollhagen, auf dem Adventsmarkt in Klein Nienhagen oder im Ostseehotel in Kühlungsborn.

STEFANIE ADOMEIT
OZ vom 14.09.05

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