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Es schimmert seidenweich

Horst Wendt zollt “seinem” Holz den gebührenden Respekt

Mit freundlicher Genehmigung der Autorin Frau Eva-Maria Reinhardt, Ostsee-Anzeiger, 7. Juli 2010.

Skulpturen im Park... Fotos: Reinhardt

“Das hier ist doch ein schönes Fleckchen Erde. Hier müsste ich mal ausstellen”, waren die Gedanken von Horst Wendt, der Neubukow als eine sehr kulturbewusste Stadt lobt, “ganz toll, was man sich hier mit dem Bürgerhaus geleistet hat.” Seine Anfrage an den Leiter des Hauses, Christian Bresching,wurde positiv entschieden. Und so kam es, dass Horst Wendt im Garten der Schliemann-Gedenkstätte (Bürgerhaus) seine erste Ausstellung im freien Raum präsentieren kann. Sie ist gelungen, gibt einen Einblick in die Arbeiten des Bildhauers der letzten Jahre. Wer ein Faible, das Gespür für künstlerisch aufgearbeitetes und gestaltetes Holz hat, sollte sich diese Exposition nicht entgehen lassen. 23 Skulpturen sind es, 18 stehen im Garten, vier kleinere hängen an der Außenwand und eine hat einen Ehrenplatz im Bürgerhaus.

Bildhauer Horst Wendt verarbeitet mit besonderem Feingefühl Holz zu Kunstobjekten, spart kaum eine Sorte aus – Birne, Essig, Fichte… Überhaupt sind es die einheimische Gehölze, die auf ihn in einer fast nicht zu beschreibenden Faszination wirken. Die Eiche jedoch, die genießt seine besondere Aufmerksamkeit, gibt der Bildhauer gern zu. Dabei bleibt es aber nicht – Metall wird hin und wieder “aufgesetzt”, eingefügt, gibt den weichen, warmen Holzstrukturen das andere Gesicht, ohne aufdringlich zu wirken, ohne dem Grundmaterial die Schönheit zu rauben. Horst Wendt platziert gern einmal besondere Akzente wie mit seinen mitunter recht kräftig leuchtenden Farben in rot oder blau. Die kleinen quadratischen Objekte an der Wand sind Zinnguss. Vielleicht auch ein Experiment, eine Herausforderung für den Künstler selbst. Nicht weniger für den Betrachter. Gern erklärt er die Arbeitsschritte, gerät ins Schwärmen: “Zinn wird flüssig, erstarrt schnell”… Es entstehen Gebilde in ungewöhnlich schöner Struktur”, vor denen Horst Wendt vielleicht so manches Mal den Hut ziehen möchte. Sekunden, ein Augenzwinkern entfernt vom fertigen Objekt – in “Partnerschaft” mit dunklem Holz natürlich.

Horst Wendt hat seit 1996 jährlich eine Ausstellung, gewöhnlich mit einem Maler zusammen oder mit der Gemeinschaft Wismarer Künstler und Kunstfreunde, der er angehört. Im Herbst werden sie gemeinsam eine Ausstellung im Münsterland präsentieren, für die er bereits jetzt am Thema Wiedervereinigung arbeitet.

Horst Wendt lernte nach dem Abitur Maurer, besuchte später die Ingenieurschule für Tiefbau, arbeitet viele Jahre im Küstenschutz. Irgendwann, so Mitte der 70ger Jahre, hatte er sprichwörtlich die Nase gestrichen voll vom Bürokratismus, nutzte die Initiative der DDR-Regierung, das private Handwerk zu fördern und lernte Drechsler – mit 45 Jahren. Das war seine erste Berührung mit Holz. Zehn Jahre war er als selbstständiger Drechsler tätig und es kam die Wende. Er arbeitete in der Stadtverwaltung Kröpelin, auch als Kämmerer. Mit dem Vorruhestand war es endlich an der Zeit, sich wieder “seinem Holz” intensiver zu widmen – mit einem Anspruch an Kreativität, für ein Ausleben und Ausprobieren im phantasievollen Handwerk. “Mit dem Drechseln ist das so eine Sache, da ist man nur an runde Formen gebunden. Das Kreative bleibt ein wenig auf der Strecke. Ich will damit nicht sagen, dass ich der Drechslerei ganz abgeschworen habe. Jetzt bin ich aber an nichts mehr gebunden, nur an das Material.” Erinnert sich an die für ihn prägenden Worte seines Lehrmeisters, ein anerkannter Kunsthandwerker: “Ihr könnt die Natur nicht übertreffen. Aber die Schönheit des Holzes gestalterisch zum Ausdruck bringen.” Und das lebt Horst Wendt sinnbildlich mit seinen Skulpturen. Geht mit Ketten- und Bandsäge ans Werk, bearbeitet die Oberfläche sehr behutsam. Sie soll dunkel sein und wird gebrannt, gebürstet, schimmert seidenweich, ohne die Maserung, die prägende Struktur zu verletzen oder gar zu verbiegen.

Nicht die Natur übertreffen – so auch bei einem Stamm, der sich augenscheinlich in der Ausstellung “hervortut” – sehr hell, eigensinnig in der Form, charakteristisch seine Maserung. Hier war die Natur der künstlerische Meister. “Es ist der Stamm eines Essigbaums. Es wäre ein Frevel gewesen, etwas zu ändern. Natürliche Schönheit, die von mir lediglich behutsam aufgearbeitet wurde”, schwärmt Horst Wendt.

Im kleinen Schliemann-Park auf der Bank sitzen und den Blick schweifen lassen, von Skulptur zu Skulptur – ein Ruhepol für künstlerischen Genuss. Die Sinnestäuschung: Ist da etwa doch mehr Metall im Spiel als uns der Künstler verraten will? Horst Wendt muss lächeln, als sich die rote Pyramide aus nächster Nähe dann doch ganz und gar aus Holz präsentiert, die schützend über ein Bäumchen steht. Und schon sind wir bei den 23 nummerierten Objekten. Manche betitelt, der überwiegende Teil nicht. Das soll so sein, sagt der Künstler. Eine Richtung vorgeben will er nicht in jedem Fall, sondern den Gedanken, der Fantasie freien Lauf lassen. Das sei ihm wichtig. Denn schließlich: “Kunst löst bei jedem Menschen Emotionen aus und die können unterschiedlicher nicht sein. Was will ich da vorgeben? Ich lausche gern dem Gedankenaustausch der Besucher.” Wenn der eine oder andere fragend, gar skeptisch vor einer Skulptur steht, greift er dann doch ein, gibt Denkanstöße, denn so ganz ohne Grund ist keine seiner Arbeiten entstanden – wie etwa die Gebeugte… Ganz anders die monumentale Kreuzigung des Baumes. Hier will, muss Horst Wendt erklären. Es sei schrecklich, wie die Menschheit täglich mit den Bäumen umgehe. Ein unvorstellbares Maß, wenn Greenpeace ausrechnet, es seien täglich 8.000 Fußballfelder, die nicht einfach nur gerodet, sondern im Amazonas abgebrannt werden für den Sojaanbau.

Nicht die Natur übertreffen, sondern die Schönheit gestalterisch unterstreichen.

Horst Wendt zollt “seinem” Holz gebührenden Respekt. Hält er Stück in der Hand, sind seine ersten Überlegungen: “Wie kommt es maximal zur Wirkung?” Und nicht immer weiß er, wie seine Skulptur letztendlich aussehen soll. Er lässt es ganz einfach wirken. Ein anders Mal gibt er ein Thema vor, dann folgen Skizzen, Berechnungen – sein gelerntes Handwerk kommt ihn zugute. Es soll sogar schon passiert sein, dass eine Skulptur klammheimlich verschwunden ist. “Sie ist dann nicht gelungen”, schmunzelt er, hört dabei gern auf Ehefrau Renate. “Sie ist meine oberste Richterin. Wissen Sie, wenn man verbissen an einer Skulptur arbeitet, ist man ganz und gar davon eingenommen, wird sich selbst gegenüber unkritisch. Der kritische Blick kommt erst viel später, manchmal zu spät”, meint er und schaut auf jene eine im Garten, die nach seiner Meinung vielleicht noch mal überarbeitet werden müsste. “Aber vielleicht auch nicht”, sinniert er etwas unsicher. Aufgeschnittenes Holz hat sich hier den eigenen Weg gebahnt. Die Natur eben.

Dass er mal als freischaffender Bildhauer arbeiten würde, hätte er nicht gedacht, würde aber keinen Gedanken daran verschwenden, ob er mit der Bildhauerei viel früher hätte beginnen müssen. Der 75-Jährige nimmt es leicht: “So wie das Leben eben spielt.” E.M.R.

Nachtrag: Die Ausstellung wird verlängert bis zum Tag des offenen Denkmals am 12.09.2010.

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