Mittwoch, 21. Februar 2018
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Meinung

Eine neue Angst geht um!

Sie heißt Harz IV und ist der damit verbundene Abstieg in die so genannte Unterschicht. Letzteres wurde jetzt, zur Überraschung vieler Politgrößen, neu entdeckt. Im Westen Deutschlands passiert, was im Osten, nach der Wende, Gang und gebe war. Die Schließung ganzer Werke. Aber auch deren Verlegung in Billiglohnländer, in den Osten Europas oder gleich nach Asien. Oder die Streichung von Stellen in der 1000 +X Größenordnung, um Gewinne der Konzerne zu maximieren.
In der Fernsehsendung „Kontraste“ von letzten Donnerstag wurden mehrere Betroffene vorgestellt.
Was mich als sechsundfünfzigjährigen Harz IV Empfänger etwas betrüblich machte, war die Angst eines ALLIANZMITARBEITERS nach 25 Jahren, ohne eigene Schuld, in die neue Armut – Harz IV abrutschen zu können. Die Angst davor, Nachbarn könnten etwas von der Arbeitslosigkeit merken und Bekannte eventuell unangenehme Fragen stellen. Sind wir jetzt so weit, dass man sich seines Schicksals schämen muss. Ist es anrüchig, ALG II Bezieher zu sein oder zu werden? Hat unsere Gesellschaft, nicht längst zur Kenntnis genommen, dass es fast aussichtslos ist, mit 50+ X noch Arbeit zu finden. Bewerbungen,
bei mir 152+ X , beruhigen vielleicht etwas das eigene Gewissen, ALLES erdenklich Mögliche gemacht zu haben, ändern aber nichts an der aussichtslosen Lage. Mir ist niemand bekannt, der Stolz darauf ist, von Harz IV abhängig zu sein. Ich kenne aber einige, die nur auf eindeutige Nachfrage „IHR EHLEND” auch zugeben. Man möchte einfach nicht dazu gehören, zu dieser neuen, alten Unterschicht.
Wenn ich vor Jahren einen guten Bekannten traf, folgte einem freundlichen Gruß meist die Frage „wie geht’s”.Bei uns im Osten hat sie sich in „Na, hast du noch Arbeit” oder „Bist du noch immer arbeitslos?” gewandelt. Rein der Logik folgend erübrigt sich die weitere Nachfrage, denn wer Arbeit hat, dem sollte es wirtschaftlich gut gehen, bei uns in Deutschland. Was ja leider auch nicht immer so ist.
Harz IV war im Sinne der Gleichbehandlung Bedürftiger notwendig. Es wäre wünschenswert gewesen, den Regelsatz der Leistungen mehr an die üblichen deutschen Lebensbedürfnisse anzupassen. Wer nicht vom gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen werden soll, muss auch mit den Mitteln ausgestattet werden, die es möglich machen, Teil dieser Gesellschaft zu bleiben. Was wir als Betroffene brauchen, sind weder Mitleid, noch unehrliche, unrealistische Zukunftswünsche. Auch als Harz IV Empfänger zu unserer Gesellschaft zu gehören, bedarf nicht nur der Einsicht, dass es fast jeden treffen könnte, sondern verlangt auch die gegebenen Realitäten anzuerkennen. Etwas positiv zu ändern und so vielleicht Existenzangst zu minimieren ist mehr denn je eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.

Niemand in Deutschland sollte sich für Harz IV schämen, es muss wieder möglich werden, ehrsam arm zu sein! Es nicht bleiben zu müssen, sollte als ein anzustrebendes realistisches Ziel, erkennbar sein.

Der noch vorhandene Sozialfrieden verlangt einfach danach.

1 Kommentar zu “Eine neue Angst geht um!”


  1. avatar 1 regm TGutteck (Leser)

    Hallo Herr Boldt,

    erstmal finde ich s gut, dass Sie so offen darüber sprechen, neben der Angst ist der 2. große Punkt ist ja das Schamgefühl, wie Sie es selber auch schon feststellten. Dies wurde damals ja schon zahlreich bei der Sozialhilfe bewiesen, weil nach einigen Studien nur 70 % der eigentlichen Bedürftigen Sozialhilfe beantragt haben. Ich denke dieses Bild hat sich nicht verschoben.
    Vielen Menschen ist einfach nicht klar, das Arbeitslosigkeit jeden treffen kann, egal ob verschuldet oder unverschuldet, solange dieses Gedanken nicht klar ist, wird es dieses Schamgefühl noch geben.
    Arbeitslosigkeit und damit in kürzester Zeit verbunden Abstieg, sind nicht schlimmes, nichts wofür man sich schämen sollte. Doch leider tun es viele und resignieren dann sehr schnell. Wenn ich die Zahl, der von Ihnen versandten Bewerbungen lese, dann kann ich nur meinen Respekt aussprechen und sagen dass Sie nicht aufgeben sollten. Während meines Studiums (Dipl. Sozialverwaltungswirt) habe ich einige Studien gelesen, und man spricht in diesem Zusammenhang von einer 30-iger Bewerbungsgrenze, wenn innerhalb von 30 Bewerbungen kein Erfolg eintritt resignieren die Arbeitslosen meist zu 85 %.
    Ihrer Aussage „das es fast aussichtslos ist, mit 50+ X noch Arbeit zu finden“ muss ich teilweise widersprechen, sicher ist es in Mecklenburg Vorpommern der Fall, da gebe ich Ihnen Recht, aber in anderen Bundesländern / Ländern sieht es anders aus. Ich kenne ein paar Leute, die auch in dem Alter hier alles hinter sich gelassen haben und in den Westen / Holland abgewandert sind und dort Arbeit gefunden haben. Diese Flexibilität ist auch auf dem Arbeitsmarkt 50+ meiner Meinung nach gefragt, aber leider meist nicht vorhanden, was ich aber auch verstehen kann. In diesem Alter haben Sie sich eine Existenz, einen Freundeskreis an diesem Ort aufgebaut und dann fällt es halt schwer eventuell, das Eigenheim zu verkaufen und woanders neu anzufangen.

    Zu den Leistungen des Arbeitslosengeldes II (Hartz IV), kann ich sagen, es ist sicherlich nahezu unmöglich davon zu überleben. Ich kann es schwer einschätzen, ich war zum Glück noch nicht in dieser Situation. Aber wir müssen auch realistisch dabei bleiben, in vielen, sehr vielen Ländern der Welt bekommt man in solchen Fällen keine staatliche Hilfe. Ich weis dies ist eine sehr unsoziale Ansicht, aber das sollte jedem immer klar sein. Man muss in diesem Fall auch immer die Finanzierbarkeit im Auge behalten, eine Erhöhung der Leistungen für die Bedarfsgemeinschaft, würde Kosten hinter sich ziehen, deren Finanzierung erstmal gesichert werden müsste. Außerdem würde eine Erhöhung dieses Satzes, auch den Missbrauch dieser Leistungen fördern, weil es sich dann wieder nicht rentieren wird, für einige zu Arbeiten.
    Ich habe es leider öfters gehört, warum soll ich arbeiten gehen, wenn ich doch soviel vom Staat kriege. Bei den 200 Euro weniger kann ich auch zu Hause bleiben und wenn ich dann den Sprit spar, habe ich das Gleiche. Ich denke leider, dies sind nicht nur Ausnahmefälle, womit ich aber nicht alle Arbeitslosen in einen Sack stecken möchte.
    Auch sehe ich die verminderten Geldleistungen und den damit verbundenen Ausschluss aus dem sozialen Leben, als zusätzlichen Ansporn an, sich aus dieser Situation zu befreien.
    Welcher bei einigen Leuten auch funktioniert hat, ein Beispiel ist ein mir bekannter älterer Herr, welche glücklich mit seinem Arbeitslosengeld und seiner damaligen Arbeitslosenhilfe gelebt hat. Dann die Reformen der Sozialgesetzbücher, Umstellung von Arbeitslosenhilfe auf Arbeitslosengeld II und somit auch drastische finanzielle Einschnitte. Die Möglichkeit am sozialen Leben teilzunehmen wurde eingeschränkt usw.. Dies führte zum Beispiel bei diesem Mann zu Ansporn, welcher er vorher als Arbeitslosenhilfeempfänger nicht hatte, wieder Tätigkeiten nachzugehen. Anfangs auf Basis einen geringfügigen Beschäftigungsverhältnis, inzwischen als 30 Stundenkraft soweit ich weis. Anhand solcher Beispiele denke ich aber, da hat diese Reform funktioniert, die verminderten Geldleistungen führten wieder zum Ansporn. Diese Möglichkeiten bestanden für diesen Mann auch schon vorher, nur hat er sie nicht genutzt. Dies sind einzelne Beispiele das ist mir klar.

    Zu ihrem Beispiel mit dem freundlichen Gruß, kann ich nur sagen, in meiner Altersgruppe ist die folgende Frage anders, aber sie macht eine Andere nicht ganz positive Situation deutlich. In meiner Altersgruppe heißt die dem Gruß folgende Frage meist, und wo wohnst du jetzt. Antwort: „Im Westen, …. Hamburg, München, Kassel usw….!“

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